Heute vor einem Jahr…
habe ich viel Mut zusammen genommen. Den Mut mich endlich allen zu zeigen, wie ich bin, wer ich wirklich bin.
Vor einem Jahr wusste mein engster Freundeskreis bereits Bescheid, aber das große für alle stand noch aus.
Mitte März hatte ich das engste allerdings durch und dachte mir „Dann kannst Du jetzt auch den Hammer rausholen und einmal einen rundum schlag machen”, was ich dann auch tat.
Bedacht, nicht hingerotzt
Das war mein Gedanke, ich wollte keinen halben Roman schreiben aber auch nicht einfach die Bombe zünden, etwas erklären wollte ich mich dann doch noch. Glücklicherweise ist am 31 März (jedes Jahr) der Transgender Day of Visibility, 2019 übrigens zum 10ten mal!
Wie kann man am besten sowas schreiben? Mit Pizza! Ich verabredete mich mit Caro, wir haben Pizza gemacht und ich meine Texte vorbereitet – ich wollte vermeiden dass ich mich unglücklich ausdrücke, eine Korrektur ist da dann hilfreich.
Einfach raus
Das tat ich dann, alles in die Instagram Story gepackt bzw. bei Facebook gepostet und Handy weg, Pizza belegen und essen. Beim ersten Blick aufs Handy danach war Ich tatsächlich nervös, hatte ich doch ein wenig Angst vor blöden Reaktionen.
Diese blieben dann glücklicherweise aus, ehrlich gesagt habe ich mit negativen Reaktionen bisher sehr wenige Erfahrungen gemacht. Am Ende vom Abend war ich entspannt, satt und fühlte mich Selbstbewusster als vorher, bereit für eine neu geschriebene Zukunft
365 (+ X) Tage
Wie gesagt, die Zeitspanne in der ich als Alex(andra) auftrete ist doch was länger als nur ein Jahr, aber eben nicht für die meisten.
Doch was ist seitdem passiert?
Viel, wenn ich so zurück schaue. Ich habe zwar immer noch meine Hoch/Tiefs wie vorher, aber bin glücklicher, mit meiner Umgebung und mir selbst. Ich habe teilweise meine Freunde auf eine neue Art kennen gelernt.
Mein Kleiderschrank bzw. dessen Inhalt hat sich nicht nur von der Vielfalt vergrößert (früher waren es Jeans, Sweatshirts und T-Shirts) sondern auch das Farbspektrum ist größer geworden. Ich versuche mich nicht mehr (permanent) in schwarz zu verstecken und unter zu gehen in der breiten Masse. Ich kann mir das kaufen was ich möchte ohne im Hinterkopf zu haben “Was denken andere dann wohl?” – das ist mir mittlerweile echt egal.
Mein Körper hat sich stark verändert, das wird mir teilweise erst dann bewusst wenn ich alte Bilder sehe, besonders im Gesicht hat sich noch was getan. Dazu ist die Haut weicher geworden und die Haare am Kopf wieder was mehr, überall anders wachsen Sie dafür langsamer und sind heller. Ebenso bin ich geschrumpft (ganze 3cm).
Dazu brauche ich aber auch mehr Schlaf als früher (oder es liegt einfach am Alter). Lustigerweise rieche ich selbst manchmal, dass ich anders rieche als früher (oder es anders wahrnehme?). Ich spreche hier vom normalen Körpergeruch, wobei ich auch anders rieche wenn ich schwitze.
Zudem habe ich mehrere Lasersitzungen hinter mir, zur Bartentfernung. Um eine Nadelepilation komme ich aber wohl leider nicht drumherum…
Achja, ich bin seit genau 289 Tagen auf Östrogen, was Anfangs ganz schön hart war in Kombination mit den Blockern (mal davon ab dass meine Initial Dosis von meinem Körper so gut aufgenommen wurde, dass mein Östrogenspiegel im Bereich einer Schwangeren im ersten Trimester lag). War auch mal Interessant, so krasse Gefühlsschwankungen zu erleben.
Und sonst so?
Was ist noch passiert? Ich hab einen Termin gemacht, im Dezember, für das OP Vorgespräch im Juli. Die Wartezeiten sind da leider doch sehr lang. Zudem habe ich seit einigen Wochen die offizielle Namensänderung durch und auch schon meinen neuen Perso (welchen ich am Freitag für SEKT zeigen musste).
Für mich ist das größte aber in den letzten Monaten passiert… ich habe einfach mal drüber geschrieben was es kostet und einen Moneypool eingerichtet und so viel Support und Liebe von euch erhalten, dass ich es selbst kaum glauben konnte und jedesmal den Tränen nahe war. DANKE! DANKE AN ALLE! Ihr seid unglaublich und habt mir echt Kraft gegeben und den glauben an ein Miteinander.
So viel kleines
In der zeit sind auch so viele kleine Dinge passiert, die ich aber gerne für mich behalte, denn private Erinnerungen sind die schönsten. Langeweilen will ich euch ja auch nicht. Mir war nur einfach danach, am heutigen Tag was zu schreiben, danke fürs lesen, danke fürs da sein!